07.10.2009: Wie meistert ein Nachwuchsathlet seinen Alltag?

Wie es der junge Läufer Christian Sperling schafft, neben Job, Studium und Training seinen Alltag zu bewältigen und warum er die fehlende Popularität seiner Sportart anprangert.
Ein schwarzer Anzug, dazu das passende Hemd und eine Krawatte liegen bereits in der Sporttasche. „Wenn ich mit dem Training fertig bin, ist es meistens schon zu spät“, sagt Christian Sperling. Sperling ist Leistungssportler mit nationalen Ambitionen. Im Alltag heißt es für ihn daher oftmals auf Dinge verzichten zu müssen, da er mit seinem Sport kein Geld verdient. Ausbildung, Studium, Sport und Freunde unter einen Hut zu bekommen, ist für ihn, wie auch für die meisten anderen ambitionierten Nachwuchssportler besonders schwierig. Wie ist es daher möglich den Tag so zu planen, um in allen Bereichen erfolgreich zu sein.
Acht bis neunmal die Woche kommt der Sportdress zu seinem Einsatz. Dann läuft Sperling die angesetzten Läufe von seinem Trainer. Sein Ziel, die Qualifikationsnorm für die Deutschen Meisterschaften im 1500 Meter Lauf zu unterbieten, rückt immer näher.
„Mein Trainer und ich sehen uns nur einmal die Woche. Für mehr ist keine Zeit“, schildert der 22-Jährige seine Knappheit an Stunden und Minuten. Dadurch, dass der gebürtige Gütersloher in Köln studiert und seine Ausbildung zum Versicherungsfachmann macht, bekommt Sperling die Trainingspläne von seinem Verein aus Wattenscheid zugeschickt.
Mit den gleichen Problemen haben auch die deutschen Spitzenathleten zu kämpfen. Sie bekommen zwar etwas Geld für ihre internationalen Platzierungen, aber dennoch müssen Sportlerinnen wie Kirsten Bolm oder Christina Obergföll sich ein zweites Standbein aufbauen und nebenher arbeiten. Nur eine geringe Anzahl von Athleten bekommen eine Förderung durch die deutsche Sporthilfe oder die Bundeswehr. Grundvoraussetzung ist hierfür die Mitgliedschaft im Nationalkader.
In diesen Genuss ist Sperling jedoch bisher nicht gekommen. Selbst im Falle eines Sieges auf nationaler Ebene werden keine Prämien oder Preisgelder ausgezahlt. „Als Leichtathlet kann man nicht reich werden. Für meinen Titel bei den Deutschen Meisterschaften im Halbmarathon habe ich keinen Cent bekommen. Die Verteilung in den einzelnen Sportarten ist total ungerecht“, ärgert sich Sperling und spielt damit auf die Fußballer an, die sogar schon in den unteren Ligen viel Geld verdienen können.
Das größte Problem ist die fehlende Popularität der Sportart. Für die Medien sind nur die Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spiele von Bedeutung. Wobei der Schwerpunkt der Berichterstattung auf den „attraktiven“ Disziplinen, wie beispielsweise der 100 Meter Sprint, liegt. Läufer der Mittel- oder Langstrecke sind weitestgehend unbekannt. Daher ist für die meisten Nachwuchsathleten der pure Spaß und Ehrgeiz der Reiz dieser Sportart. So sieht es auch der Gütersloher Sperling. Er ist bereit, viel dafür zu opfern und schenkt der Leichtathletik eine sehr große Rolle in seinem Leben. Er ist aber realistisch genug, um zu wissen, dass er durch das Laufen kein Geld verdienen wird. Obwohl Sperling bereits die ersten Autogramme geschrieben hat, sieht sich der Student deshalb noch lange nicht als Star. „Darauf bilde ich mir nichts ein. Das waren kleine Kinder, die wahrscheinlich zu jedem Athleten gegangen wären“, so der 22-Jährige über seine „Autogrammstunde“. Und so liegen ein schwarzer Anzug, das Hemd und die Krawatte stets in der Tasche.
Text: Mareike Ludwig