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14.03.2007: Sporteignungsprüfung an der Spoho

Drama in sechs Akten

Mitte Februar und Mitte Juli mutieren die Gehege der größten Europäischen Sportuniversität, der Deutschen Sporthochschule in Köln zum Affenhaus. Dann stellen sich 1000 mehr oder weniger sportliche Athleten der Herausforderung "Sport-Eignungstest". Jutta Kühle hat sie begleitet

Das Affentheater ist eine Tragikomödie in sechs Akten:

1.Rückschlagspiel, 2.Schwimmen, 3.Turnen, 4.Mannschaftsspiel, 5.Leichtathletik, 6.Ausdauertest

Eignungstest: morgens 8.00 Uhr, alle Teilnehmer werden in Riegen eingeteilt.

Im Hörsaal 1 geben die Verantwortlichen letzte Anweisungen: "Bei allen Teildisziplinen dürft ihr euch insgesamt ein Defizit erlauben, beim zweiten Defizit seid ihr leider ausgeschieden. Zudem muss der Ausdauertest am Ende der Prüfung von jedem bestanden sein. Statistisch gesehen wird uns die Hälfte der Mannschaft vorzeitig verlassen. Aber trotzdem viel Glück und alles Gute."

Europas härtester Eignungstest oder nur sportliche Grundkenntnisse?
Auch private Sendeanstalten haben das mediale Dramatikpotenzial dieses sportlichen Großereignisses für sich entdeckt. Wenn Träume zerplatzen und Einzelschicksale in der Sporthalle entschieden werden, darf das Kamerateam natürlich nicht fehlen. "Europas härtester Eignungstest", titeln Privatsender, wenn es darum geht, eine allgemeine Grundsportlichkeit in Deutschlands Sportuniversität zu beweisen.  

Jeder, der sich für ein Studium mit den sportwissenschaftlichen Abschlüssen Diplom, Erstes Staatsexamen, Bachelor oder Master bewirbt, muss vor dem Studienbeginn eine besondere Sporttauglichkeit nachweisen. Die Eignungsfeststellung der Deutschen Sporthochschule dient dazu, konditionelle und koordinative Voraussetzungen abzufragen. Alle Anforderungen sind genau vorgegeben.

Ein breitgefächerter Bewegungsschatz muss vorhanden sein und elementare Basisfertigkeiten beherrscht werden, um den Anforderungen des späteren Sportstudiums gewachsen zu sein. Es werden keine Höchstleistungen erwartet. Die Anforderungen bei Leichtathletik und Turnen richten sich nach den Vorgaben des Deutschen Sportabzeichens. Bei den Prüfungen im Mannschafts- und Rückschlagsport sollen Basistechniken und das Verständnis für Spielsportarten gezeigt werden. Die Schwimmabnahmen zielen, neben dem Zeitschwimmen, auf Technikverständis ab.

Das Affentheater beginnt
Tutor Tilmann, der die nächste Evolutionsstufe als eingeschriebener Sportstudent erreicht hat, ist die "gute Seele" der aufgeregten Affenkinder. Er ist zusammen mit 15 weiteren Tutoren für ein neunzigköpfiges Rudel zuständig. Er bändigt die Meute, versucht zu dressieren und führt sie zu den Sportstätten: "Ich selbst hatte einen super Eignungstest und wurde durch die Leute hier mächtig vorgepuscht. Jetzt bin ich selber Tutor und möchte den Neuen etwas zurückgeben. Oft können wir noch technische Kleinigkeiten ändern und so dem Defizit entrinnen. Wir retten, was zu retten ist."

1. Akt: Rückschlagspiel
Um halb zehn haben wir den ersten Akt "Rückschlagspiel" bereits hinter uns. Nur die wenigsten fahren sich hier das erste Defizit ein. Im Flur treffen wir zwei Halbstarke: "Trainiert hab ich kaum, ich weiß gar nicht genau was ich machen muss. Wir beiden haben uns hier kennen gelernt, aber wir ziehen das gemeinsam durch. Noch haben wir kein Defizit."

2. Akt: Einige Hoffnungen gehen baden...

Der zweite Akt. Souverän führt Tutor Tillmann das Rudel zur Badestelle. Ein Raunen geht durch die aufgeregten Prüflinge. "Hanna, sie haben zuviel Rotation, sie schlagen über", so lautet der nüchterne Kommentar eines Dozenten nach einem offenbar schmerzhaften Rückenplatscher vom Einmeter-Brett." Beim Kopfsprung hagelt es Defizite. Beim Technikschwimmen und Tauchen können die Tutoren noch schnell kleine Fehler ausdressieren. Doch dann kommt das erbarmungslose Zeitschwimmen. Die Sekunden auf der Stoppuhr lassen keine Diskussion zu. 100m sind für Männer in 1:50 min (Brust) oder 1:40 min (Kraul) zu absolvieren, die Frauen haben 2:00 min bzw. 1:48 min. Zeit. Ein Athlet muss bereits nach einer Bahn die Schwimmstelle verlassen. Völlig entkräftet erklärt er: "Ich wusste nicht, dass die Bahnen so lang sind."

Und auch unser Halbstarken-Duo, nach Akt 1 noch ganz euphorisch, ist nach dem Badespaß nicht mehr komplett.

3. Akt: Ausscheiden in den deutschen Weltmeistersportarten...
Der dritte Akt. Das Rudel teilt sich: Fußball, Handball, Volleyball, Hockey, Basketball. Trotz der großen Auswahl im Bereich Mannschaftssport kommen nicht alle Rudelmitglieder zurück. Mittlerweile hat sich die Gruppe schon stark dezimiert, obwohl Männchenschreck Turnen und Weibchenschreck Leichathletik noch bevorstehen.

4. Akt: "ein bißchen Rumgeturne..."
Der vierte Akt. Der Turndompteur erklärt: "Für so ein bisschen Rumgeturne und ein paar Klimmzüge müssen wir kein Geschrei machen, das genießen wir ganz still." Krumme Handstände, schiefe Rollen und unbeholfenes Reckturnen, lassen die Dozenten schmunzeln. Manchmal wird ein Auge zugedrückt, ein anderes Mal scheitert es an Kleinigkeiten: "Ich bin falsch vom Sprungbrett abgesprungen und hatte deshalb bei der Sprunghocke über das Pferd keine Stützphase. Jetzt bin ich raus." "Mach dir nichts draus, ich bin zum fünften Mal hier", ertönt eine routinierte Stimme aus dem Geräteraum.

5. Akt: Schneller, höher, weiter...
Der fünfte Akt und das Finale. "Geworfen. Nächster. Geworfen. Nächster", heißt es aus dem Kugelstoßring. Neben der erforderlichen Weite von 6,75 m (Frauen) 7,60 m (Männer), muss die Kugel dem Reglement entsprechend technisch sauber gestoßen werden. Anders als beim Hochsprung. Ein einbeiniger Absprung und die Überquerung der Latte sind hier die einzigen Voraussetzungen. Haltungsnoten spielen keine Rolle. Ein Glück für den 19-jährigen Felix, der beim letzten Versuch über 1,40 m zum Flop ansetzt, im Flug aber doch noch zum Wälzer wechselt. Kopfschütteln beim Dozenten, Gelächter unter den Zuschauern und Strahlen beim Teilnehmer selbst: "Ich hab es vergessen zu trainieren. Erst gestern ist mir eingefallen, dass ich auch Hochsprung machen muss."

Weiter geht es auf der 100m Sprintstrecke, die nochmals Viele zu Fall bringt.

Der anschließende Ausdauertest ist der letzte Kraftakt für unser stark geschrumpftes Rudel. „Das ganze dauert viel zu lange. Die Sportprüfungen beim Sportabitur waren auf drei Tage verteilt. Hier muss ich alles an einem Tag schaffen“, sagt ein Übriggebliebener und beißt in seine Banane.

Um 18 Uhr stehen die Letzten bereit zum abschließenden Ausdauertest. 3000 m in 13min (Männer) und  2000 m in 11:30 min (Frauen) sind zu absolvieren. Einige geben auf, andere sind zu langsam, aber viele bestehen.

Durchfallquote: Über 50 Prozent

"Sport ist Mord", bilanziert ein Teilnehmer, der den Kampf gewonnen hat. Die Durchfallquote bei unserem Rudel liegt bei etwa 50 Prozent. Die Übriggebliebenen, die nicht durchs Sieb gefallen sind, wähnen sich dem Diplom schon ganz nahe.

Sie haben einen entscheidenden evolutionären Schritt getan und die Voraussetzung für ein Sportstudium geschaffen. Noch wissen sie nicht, dass noch einige Gefahren und weitere Siebe auf sie warten. Erstmal muss es mit dem Numerus Clausus noch klappen! Und dann besteht noch die Gefahr, dass man von der ZVS (Zentralstelle für Studienplatzvergabe) in ein anderes Reservat abgeschoben wird. Und auch wenn man dann tatsächlich die heiligen Hallen der DSHS Köln endlich betritt, warten Fußschlingen wie anspruchsvolle Klausuren, Tanzprüfungen oder unzählige Trainingsstunden im House of Pain (Gerätturnhalle) und am Wassergraben (Hürdenlauf). Bis jeder dann endlich am Ende der Ausbildung auch einmal ein eigenes Rudel anleiten kann. Doch von alledem, weiß unser Rudel heute noch nichts. Und das soll es in der Stunde des ersten süßen Triumphes auch nicht...

 

Neueste Meldung vom Prüfungsamt der Sporthochschule 21.2.2007:

Angemeldete Teilnehmer zum Eignungstest: 1188

Angetretene Teilnehmer: 998

Bestandene Eignungsprüfung: 408 (40,88%)

 

Bilder: Anna Dilthey, Kathrin Stein

Text: Jutta Kühle

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